
Kapitel V: Anwendungen der Differenzialrechnung
Mit den Ableitungsregeln aus Kapitel IV können wir jetzt das Verhalten von Funktionen systematisch untersuchen: Wo steigt , wo fällt sie? Wo liegen Hochpunkte, Tiefpunkte, Wendepunkte? Die Kurvendiskussion fasst all das zusammen.
V.1 Monotonie
Monotonieverhalten und Vorzeichen von
Die Ableitung gibt die Steigung der Tangente an — und damit das momentane Steigungsverhalten von :
Sei auf einem Intervall differenzierbar.
- für alle ist auf streng monoton steigend
- für alle ist auf streng monoton fallend
- für alle ist auf konstant
Umkehrung gilt nicht zwingend: Eine monoton steigende Funktion kann an einzelnen Stellen haben (z.B. bei ).
Monotonietabelle aufstellen
Vorgehen:
- berechnen
- Nullstellen von bestimmen (Grenzen der Monotoniebereiche)
- Vorzeichen von in jedem Teilintervall prüfen (Probewert einsetzen)
- Monotonieverhalten ablesen
Beispiel:
Nullstellen von : ,
| Intervall | Probewert | Monotonie | |
|---|---|---|---|
| : | steigend | ||
| : | fallend | ||
| : | steigend |
V.2 Extremstellen
Notwendige Bedingung
Ist in differenzierbar und hat dort ein lokales Extremum, so gilt:
allein garantiert noch kein Extremum. Gegenbeispiel: bei : , aber kein Extremum.
Hinreichende Bedingung I: Vorzeichenwechselkriterium (VZK)
Sei .
- wechselt bei von nach : lokales Maximum in
- wechselt bei von nach : lokales Minimum in
- kein Vorzeichenwechsel: kein Extremum (Terrassenpunkt möglich)
Hinreichende Bedingung II: zweite Ableitung
Sei .
- : lokales Minimum (Kurve ist nach oben gekrümmt)
- : lokales Maximum (Kurve ist nach unten gekrümmt)
- : keine Aussage — weitere Untersuchung nötig
Beispiel (Fortsetzung): ,
| Stelle | Schluss | Punkt | ||
|---|---|---|---|---|
| lokales Maximum | ||||
| lokales Minimum |
Lokale und globale Extrema
Ein lokales (relatives) Extremum ist nur im Vergleich mit benachbarten Punkten ein Höchst- bzw. Tiefstwert.
Ein globales (absolutes) Extremum auf einem Intervall ist der größte bzw. kleinste Wert auf dem gesamten Intervall. Er kann auch am Rand liegen.
Randextrema auf einem Intervall
Auf einem abgeschlossenen Intervall muss man stets vergleichen:
- Alle lokalen Extremwerte (innere Stellen: )
- Randwerte: und
Das globale Maximum ist der größte, das globale Minimum der kleinste dieser Werte.
V.3 Krümmung und zweite Ableitung
Linkskrümmung und Rechtskrümmung
Die zweite Ableitung beschreibt, wie sich die Steigung selbst ändert — das heißt, ob die Kurve nach oben oder unten „gewölbt” ist.
- : Linkskrümmung (konvex, nach oben geöffnet — wie ein Lineal-Bogen)
- : Rechtskrümmung (konkav, nach unten geöffnet)

Krümmungsverhalten als Monotonieverhalten von
Da :
- bedeutet ist steigend — die Kurve dreht ihre Tangente nach links (aufwärts)
- bedeutet ist fallend — die Kurve dreht ihre Tangente nach rechts (abwärts)
V.4 Wendestellen
Definition und notwendige Bedingung
Eine Stelle , an der die Krümmung wechselt (von Links- zu Rechtskrümmung oder umgekehrt), heißt Wendestelle. Der zugehörige Kurvenpunkt heißt Wendepunkt.
Hinreichende Bedingung: Vorzeichenwechsel von
wechselt bei das Vorzeichen ist Wendestelle.
Kein Vorzeichenwechsel kein Wendepunkt (z.B. bei ).
Beispiel: ,
bei . Für gilt (Rechtskrümmung), für gilt (Linkskrümmung). → Vorzeichenwechsel ✓
Wendepunkt:
Sattelpunkte (Terrassenpunkte)
Gilt zusätzlich , so ist der Wendepunkt ein Sattelpunkt (oder Terrassenpunkt): Die Tangente ist dort waagrecht, aber es liegt kein Extremum vor.
Beispiel: bei : , , Vorzeichenwechsel von Sattelpunkt .
Wendepunkt als Stelle maximalen Wachstums
Am Wendepunkt ist maximal (oder minimal) — die Funktion wächst dort am schnellsten (oder langsamsten). Das ist in Sachkontexten oft bedeutsam (z.B. „stärkste Zunahme der Bevölkerung”).
V.5 Kurvendiskussion ganzrationaler Funktionen
Vollständige Vorgehensweise
Eine Kurvendiskussion untersucht alle wesentlichen Eigenschaften einer Funktion in festgelegter Reihenfolge:
- Definitionsmenge
- Symmetrie (gerade / ungerade Funktion?)
- Nullstellen ()
- Extrempunkte (, Vorzeichen prüfen)
- Wendepunkte (, Vorzeichen prüfen)
- Verhalten für
- Graph zeichnen
Vollständiges Beispiel:
Schritt 1 — Definitionsmenge:
Schritt 2 — Symmetrie:
ist eine gerade Funktion → Achsensymmetrie zur -Achse. Es reicht, die rechte Seite zu untersuchen.
Schritt 3 — Nullstellen:
(doppelte NS), , (wegen Symmetrie)
Schritt 4 — Ableitungen:
Nullstellen von : , ,
| Stelle | Schluss | Punkt | ||
|---|---|---|---|---|
| lokales Minimum | ||||
| lokales Maximum | ||||
| lokales Minimum |
Schritt 5 — Wendepunkte:
Vorzeichenwechsel von bei beiden Stellen: ✓
Wendepunkte: und
Schritt 6 — Grenzverhalten:
Führender Term mit positivem Koeffizient, Grad 4 (gerade):
Beide Enden zeigen nach oben.
Schritt 7 — Graph:

Rot: Extrempunkte — Orange: Wendepunkte — Grün (Kreise): Nullstellen
V.6 Newton-Verfahren
Idee: iterative Näherung an eine Nullstelle
Viele Gleichungen der Form lassen sich nicht exakt lösen. Das Newton-Verfahren liefert durch Iteration sehr genaue Näherungswerte.
Grundidee: Statt selbst betrachtet man die Tangente an in einem Startpunkt . Die Nullstelle dieser Tangente ist ein besserer Näherungswert . Das Verfahren wird mit wiederholt.
Iterationsformel
Gegeben , Startwert . Die Folge konvergiert (bei guter Startwahl) gegen eine Nullstelle von .
Geometrische Deutung

Schritt-für-Schritt-Rechnung
Gesucht: Näherung für , d.h. Nullstelle von .
, Startwert :
Exakter Wert: — schon nach drei Schritten auf 4 Dezimalstellen genau.
Konvergenz und Startwertwahl
Das Newton-Verfahren konvergiert sehr schnell (quadratische Konvergenz: Die Zahl der korrekten Nachkommastellen verdoppelt sich pro Schritt), aber nicht immer:
| Situation | Risiko |
|---|---|
| Startwert zu weit von Nullstelle | Konvergenz zu falscher Nullstelle oder Divergenz |
| Division durch sehr kleine Zahl, Instabilität | |
| Mehrere Nullstellen | Welche gefunden wird, hängt vom Startwert ab |
Faustregel: Nullstelle zunächst graphisch eingrenzen, dann Startwert in der Nähe wählen.
Rückblick: Wichtige Formeln und Kriterien
| Begriff | Kriterium |
|---|---|
| Monoton steigend auf | für alle |
| Monoton fallend auf | für alle |
| Notwendige Bedingung Extremum | |
| Hinr. Bedingung Extremum (VZK) | wechselt Vorzeichen bei |
| Hinr. Bedingung Extremum () | und |
| Lokales Maximum | |
| Lokales Minimum | |
| Linkskrümmung | |
| Rechtskrümmung | |
| Notwendige Bedingung Wendestelle | |
| Hinr. Bedingung Wendestelle | wechselt Vorzeichen bei |
| Sattelpunkt | und Wendestelle |
| Newton-Verfahren |